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    Der Kaufmann und sein Papagei

    Ein orientalischer Kaufmann besaß einen Papagei. Eines Tages stieß der Vogel eine Ölflasche um. Der Kaufmann geriet in Zorn und schlug den Papagei mit einem Prügel auf den Hinterkopf. Seit dieser Zeit konnte der Papagei, der sich vorher sehr intelligent gezeigt hatte, nicht mehr sprechen. Er verlor die Federn vom Schädel und wurde bald ein Kahlkopf. Eines Tages, als er auf dem Regal im Geschäft seines Herrn saß, betrat ein glatzköpfiger Kunde den Laden. Sein Anblick versetzte den Papagei in höchste Erregung. Flügelschlagend sprang er umher, krächzte und fand schließlich zur Überraschung aller seine Sprache wieder.: „Hast du auch die Ölflasche heruntergeworfen und einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen, so dass du nun keine Haare mehr hast?“

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    Ein Essen für mein Geld

    Eines Tages betrat ein fremder Gast das Gasthaus „Zum Ochsen“. Für sein Geld verlangte er ein Stück Braten mit frischem Gemüse. Dazu bestellte er noch eine kräftige Fleischsuppe. Die Kellnerin fragte ihn, ob er nicht auch ein Glas Wein trinken möchte. Wenn er das auch noch für sein Geld bekomme, nehme er es gern, antwortete der Gast. Nun brachte man ihm die Speisen und den Wein. Der Gast aß und trank alles mit Genuß. Nach Beendigung der Mahlzeit brachte ihm der Wirt die Rechnung. Der Mann griff in die Tasche und legte einen Sechser auf den Tisch. Erstaunt verlangte der Wirt mehr Geld. Aber der Gast zeigte ihm nur seine leeren Taschen. Daraufhin wollte der Wirt den Gast vor den Richter bringen. Doch der Mann erinnerte ihn an seine Worte. und verließ freundlich grüßend das Gasthaus.

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    Postkarte an die guten Freunde im Raucherabteil

    Brüssel (sad). Seit mehreren Jahren treffen sich in einem bestimmten Zugabteil des jeden Morgen um 6:34 Uhr vom Bahnhof der belgischen Stadt Brügge nach Brüssel abfahrenden Zuges dieselben Menschen.
    Als einer der Reisegefährten kürzlich für ein paar Urlaubswochen in die Schweiz fahren wollte, versprach er den anderen, ihnen eine Ansichtskarte zu schicken.
    Jetzt erreichte die Ansichtskarte tatsächlich ihre Empfänger trotz merkwürdiger Anschrift.
    Die lautete:
    „An den Türken mit Bart, den langen Rik, die hübsche Gigi, den vollbärtigen Fox und den Mann, der wie ein General aussieht – B 8000 Brügge, Bahnhof, Perron 3, Zweiter Waggon (Raucher) des um 6:34 Uhr nach Brüssel abfahrenden Zuges.“
    Großes Hallo gab es in dem Abteil, als ein Zugschaffner grinsend die in Lugano eingesteckte Postkarte den Empfängern überreichte.

     

     

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    Maulbeer-Omelette

    Der alte König war trübsinnig geworden. Er ließ seinen Leibkoch kommen und sagte zu ihm: „Vor fünfzig Jahren führte mein Vater Krieg gegen seinen bösen Nachbarn. Der hatte gesiegt und wir mussten fliehen. Wir flohen Tag und Nacht und waren vor Hunger und Erschöpfung nahe am Verenden, als wir auf eine Hütte stießen. Ein altes Mütterchen hauste drinnen, das hieß und freundlich rasten, sie selber aber machte sich am Herde zu schaffen und nicht lange, so stand eine Maulbeer-Omelette vor uns. Kaum hatte ich davon den ersten Bissen zum Munde geführt, so war ich wundervoll getröstet und neue Hoffnung kam mir ins Herz. Diese Maulbeer-Omelette sollst du mir jetzt machen. Wenn du mir diesen meinen letzten Wunsch erfüllst, mache ich dich zu meinem Eidam und zum Erben des Reiches. Wirst du mich aber nicht zufriedenstellen, so musst du sterben.“ Da sagte der Koch: „Herr, so möget ihr nur den Henker sogleich rufen. Denn wohl kenne ich das Geheimnis der Maulbeer-Omelette und alle Zutaten von der gemeinen Kresse bis zum edlen Thymian. Wohl weiß ich den Vers, den man beim Rühren zu sprechen hat und wie der Quirl aus Buchsbaumholz immer nach rechts muss gedreht werden. Aber dennoch, o König, werde ich sterben müssen. Dennoch wird meine Omelette dir nicht munden. Denn wie sollte ich sie mit alledem würzen, was du damals in ihr genossen hast: der Gefahr der Schlacht und der Wachsamkeit des Verfolgten, der Wärme des Herdes und der Süße der Rast, der fremden Gegenwart und der dunklen Zukunft.“ Der König schwieg eine Weile. Dann entließ er den Koch, reich mit Geschenken beladen, aus seinen Diensten.

    Walter Benjamin

     

     

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    Abmachung

    Vor langer Zeit, als es noch keine Sparkassen gab, besaßen zwei Männer ein gemeinsames Vermögen von fünfhundert Gulden. Eines Tages unternahmen die beiden eine lange Reise. Das Geld gaben sie einer ehrlichen Witwe in Verwahrung. Sie sollte es keinem allein zurückgeben, sondern nur ihnen beiden zusammen. Nach mehreren Monaten kam nur der eine Mann zu der Witwe und sagte: „Mein Teilhaber ist tot. Geben Sie mir die fünfhundert Gulden.“ Leichtgläubig gab ihm die Witwe das ganze Geld. Einige Wochen später kam aber der andere Mann und erzählte ihr dieselbe Lüge. Als er erfuhr, dass sie das Geld nicht mehr hatte, verklagte er sie beim Richter. Nun ging es der Witwe übel. Aus Mitleid bot ihr ein bekannter Anwalt seine Hilfe an. Vor Gericht sprach er: „Die Frau gibt zu, dass sie dem Kläger und seinem Partner fünfhundert Gulden schuldet. Nach der Abmachung darf sie es aber nur beiden zusammen geben. Deswegen soll der Kläger seinen Partner herbringen. Wenn beide da sind, wird die Frau ihnen gemeinsam die ganze Summe auszahlen.“ Der Richter stimmte dieser Regelung zu und die Witwe gewann den Prozess. Der Kläger wartet aber noch immer auf den den zweiten Mann.

     

     

     

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    Der Floh

    Kurt Tucholsky

    Im Departement du Gard – ganz richtig, da wo Nimes liegt und der Pont du Gard: im südlichen Frankreich – da saß in einem Postbüro ein älteres Fräulein als Beamtin, die hatte eine böse Angewohnheit: sie machte ein bißchen die Briefe auf und las sie. Das wusste alle Welt. Aber wie das so in Frankreich geht: Concierge, Telefon und Post, das sind geheiligte Institutionen, und daran kann man schon rühren, aber daran darf man nicht rühren, und so tut es denn auch keiner.
    Das Fräulein also las die Briefe und bereitete mit ihren Indiskretionen den Leuten manchen Kummer.
    Im Departement wohnte auf einem schönen Schloss ein kluger Graf. Grafen sind manchmal klug, in Frankreich. Und dieser Graf tat eines Tages folgendes: Er bestellte sich einen Gerichtsvollzieher auf das Schloss und schrieb in seiner Gegenwart an seinen Freund:
    Lieber Freund!
    Da ich weiß, das das Postfräulein Emilie Dupont dauern unsere Briefe öffnet und sie liest, weil sie vor lauter Neugier platzt, so sende ich Dir anliegend, um ihr einmal das Handwerk zu legen, einen lebendigen Floh.
    Graf Koks
    Und diesen Brief verschloss er in Gegenwart eines Gerichtsvollziehers. Er legte aber keinen Floh hinein.
    Als der Brief ankam, war einer drin.

     

     

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    Preisausschreiben

    Solange ich denken kann, beteiligt sich meine Uroma, die noch sehr rüstig ist, an allen möglichen Preisausschreiben, ohne dass sie jemals gewonnen hätte. Sie füllt jedes Mal drei Karten auf verschiedene Namen aus, damit sich die Chancen erhöhen. Wir haben ihr schon oft gesagt, dass sie sich von dem Portogeld die tollsten Sachen kaufen könnte. Obwohl sie uns recht gibt, mag sie nicht auf ihr Hobby verzichten. Neulich nun erhielt ich ein Schreiben mit der Nachricht, dass ich eine Reise nach Mallorca gewonnen habe. Als ich meiner Uroma das Schreiben zeigte, war sie so überrascht, dass sie fast in Ohnmacht gefallen wäre, denn natürlich war sie es gewesen, die in meinem Namen am Preisausschreiben teilgenommen hatte. Weil sie selber sich zu alt fühlte, durfte ich die Reise machen. Aus Dankbarkeit habe ich ihr, bevor ich losfuhr, einen ganzen Bogen Briefmarken geschenkt.